In einem Aktenschrank in Berlin-Lichtenberg liegen tausende Seiten, die ein scheinbar harmloses Thema behandeln: deutsche Sommerurlaube in Ungarn. Doch wer die Dokumente liest, versteht schnell, dass der Plattensee für die DDR alles andere als ein harmloser Badeort war.
Zwischen Luftmatratzen und Lagerfeuern lauerten Männer mit Notizbüchern. Sie registrierten Umarmungen, Tischgespräche und jede verdächtige Fahrt Richtung Westen. Der Balaton war der einzige Flecken Erde, an dem sich Verwandte aus Ost und West sehen durften, und genau deshalb wurde er zum größten verdeckten Überwachungsgebiet außerhalb der DDR.
Dies ist die Geschichte eines Sees, der gleichzeitig Sehnsuchtsort, Treffpunkt und Kulisse eines stillen Geheimdienstkrieges war, bis seine Ufer 1989 die DDR selbst zu Fall brachten.
Wie die Ostdeutschen den Plattensee als Ersatzparadies erschlossen

Die Urlaubsfrage war für DDR-Bürger ein Dauerproblem. Westeuropa blieb versperrt, die Ostsee war jeden Sommer bis zum letzten Strandkorb belegt, und die Tatra-Hotels reichten bei weitem nicht für 17 Millionen Menschen. Eine Alternative musste her, und sie lag etwa 800 Kilometer südlich.
Ungarn öffnete sich Mitte der 1960er Jahre vorsichtig für sozialistischen Tourismus. Der Freie Deutsche Gewerkschaftsbund schickte erste Reisegruppen mit dem Bus nach Siófok, und die Zurückgekehrten berichteten von mediterranem Licht, warmen Uferwellen und Paprika, den man zu Hause kaum kannte.
Bald kursierte in Leipzig und Rostock ein neuer Spitzname: das sozialistische Italien. Was als logistische Verlegenheitslösung begann, wurde innerhalb weniger Jahre zur wichtigsten Fluchtmöglichkeit aus dem DDR-Alltag, ganz ohne Pass in den Westen.
